Jonas Jonasson: Der Hunderjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand

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Oder: Lesen was auf Bestsellerlisten steht

Als Vielleser ist es irgendwie schwierig, die großen Hypes des Buchmarktes ganz zu umgehen. Meistens versuch ich, mich abseits der Bestsellerlisten mit Lesestoff zu versorgen. Aber manche Bücher kann man nicht völlig ignorieren. Die klingen nämlich trotzdem gut und sind allgegenwärtig.

Bei Jonassons Erstling mit dem sperrigen Namen hab ich`s immerhin zwei Jahre durchgehalten. Nun ist er mir doch untergekommen, der Roman mit dem Elefanten. Und, ich sag`s gleich, ich bin geteilter Meinung! Aber erst mal zu den Facts.

Inhalt

Man möchte meinen, er hätte seine Entscheidung etwas früher treffen und seine Umgebung netterweise auch davon in Kenntnis setzen können. Aber Allan Karlsson war noch nie ein großer Grübler gewesen.
Entsprechend war der Einfall auch noch ganz frisch, als der alte Mann sein Fenster im Erdgeschoss des Altersheims von Malmköping, Sörmland, öffnete und in die Rabatte kletterte.
Das Manöver war etwas mühselig – nicht unbedingt überraschend, wenn man bedenkt, dass Allan just an diesem Tage hundert geworden war. In einer knappen Stunde sollte die Geburtstagsfeier im Gemeinschaftsraum losgehen. Sogar der Stadtrat wollte anrücken. Und die Lokalpresse. Und die ganzen anderen Alten. Und das komplette Personal, allen voran Schwester Alice, die alte Giftspritze.
Nur die Hauptperson hatte nicht vor, zu dieser Feier aufzutauchen.
Also, Allan Karlsson haut aus dem Altersheim ab. Kaum auf freiem Fuß legt er sich mit einer kriminellen Bikerband an, gelangt an mehr Geld als er tragen kann und wird in eine  irrwitzige Odyssee mit einem Gelegenheitsdieb, einem Elefanten und einem Universalgelehrten verwickelt. Den sich entwickelnden Roadtrip peppt er noch dazu mit seiner abstrusen Lebensgeschichte auf, die ihn von der Atombombe zu Stalin zum Regime des Kim Il-Sung bis hin zu einem misslungen Anschlag auf Churchill in Mittleren Osten führt.
Ohne es zu wollen hat der abtrünnige Greis ein Jahrhundert Weltgeschehen mitbeeinflusst, und das auf durchwegs tolpatschige Art. Dass die auf der Flucht befindliche Bande nach mehreren Konflikten mit dem Gesetz schließlich mitsamt dem ermittelnden Beamten in einem Urlaubsparadies landet, ist nur der Gipfel der Irrwitzigkeiten.

Als Leser

Obwohl das Buch durchwegs gut und flüssig geschrieben ist und man sich schnell durchgefressen hat (Urlaubsschmöker-Qualitäten!), muss man als Leser schon recht viele Blödsinnigkeiten akzeptieren und wegstecken entlang der Geschichte.

So nett es ist, einen Recount der jüngsten Weltgeschichte seit den Weltkriegen zu erhalten, so viel es mir doch nicht leicht, den Abstrusitäten des Autors und damit Allan Karlssons zu folgen. Man denkt einfach jedes Mal: Oh nein, nicht auch das noch!
Jonasson trägt da mehr als nur dick auf und lässt nichts aus, was an geopolitischen Konflikten und großen Namen der letzten Hundert Jahre verfügbar war: von Churchill, Reagon bis Einstein sind alle dabei, sogar der kleine Kim Jong-Il wird zum bitzelnden Kleinkind, das durch Karlson getröstet wird.
Also, ein wilder Ritt.
Nichts desto trotz bleibt ein schaler Nachgeschmack. Dass dabei tragische Verbrechen gegen die Menschlichkeit oft ihrer eigentlichen Tragweite beraubt und der Lächerlichkeit preisgegeben wird, ist ein Kniff, der offensichtlich Vielen gefällt.
Jonassons Roman ist obwohl gut geschrieben leider auch etwas seicht auf Dauer. Ich hatte mir etwas mehr Tiefgang erwartet von diesem gehypten Bestseller.

2 Kommentare auch kommentieren

  1. barbara sagt:

    Ich hab dieses Buch ähnlich wie Du empfunden. Am Anfang habe ich noch herzhaft lachen können, was der Alte alles macht. Aber so nach 200 Seiten läuft sich’s ein bisschen tot, weil man als Leser ahnen kann, was kommt. Und dann wird’s fad. Ich habe eine Vorschau auf den Film gesehen, die ich recht witzig fand. Vielleicht lässt sich der Stoff in 90 Minuten filmtechnisch besser umsetzen als gedruckt auf hunderten von Seiten.

    1. Phil sagt:

      Liebe Barbara,

      Und???? hast du in der Zwischenzeit den Kinofilm gesehen? Wie war`s?
      Ich bin ja immer etwas skeptisch, mir einen Film anzusehen, wenn ich zuerst das Buch gelesen habe. Die Darstellung im Film passt selten zu meiner Kopfwelt, die ich mir aus dem Buch gebaut habe und dann konkurrieren die beiden Vorstellungswelten. Und unter uns: Die Filme enttäuschen mich meist. Meine Kopfwelt ist viel unmittelbarer, bunter, verrückter oder schöner, als es Filme meist sind.

      Alles Liebe,
      die Phil

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